Häuser, aus einem Park im Winter · Vladimir · ·


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      Vladimir



Häuser, aus einem Park im Winter

   22.11.2007, 23:47



Auf einmal merkten sies: dass ihre Farben,
die sonst der Blätterwerke dichtes Flimmern
geschützt und sich vertraut gehalten hatte,
(getrennt von jener Offenheit der Wiese
des nahen Parks, die jetzt durch all das in
sich selbst versunkne Holz, wie durch ein Netz
verschwiegner Narben wehte) matte Spiegel
(und weiter als sie jemals wollten) eines
erkalteten Erstrahlens waren; dass der Himmel,
den sonst der gelbe Dorn an sie geschmiegt,
nun über ihnen leer war, ohne Halt
falls doch die Schwerkraft kippte; dass der tiefe
Dorn, ihnen seine Blöße überzwingend,
nicht Wärme gab, noch Gnade kannte - nichts
als Licht mehr war, und keines sonst als Licht.

So standen sie: die Nacht, die anfangs noch
ersehnte, bot, obwohl sehr lang, kaum mehr
als tumben Schlaf; Gerüchte, von den jüngeren
beflüstert, irrten, all das habe es
schonmal gegeben; und die meisten warn
verstummt vor Angst und ihrer Spiegelblöße,
und warteten und wussten nicht worauf.

 

      augustine



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   23.11.2007, 01:06



Vladimir, willkommen!
Wie kann ein so junger Mann, wie du bist, so beobachten, empfinden und Worte finden, so wagen, scheinbar unzeitgemäß zu sein, so die Sprache handhaben! So, ich höre den jungen Rilke, ja. Aber diese Sprache!
Ich möchte mehr schreiben, morgen.
augustine

 

      augustine



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   23.11.2007, 21:52 / 1 x geändert



Vladimir, es hat mich heute in der Nacht schier umgehauen, dein Gedicht, aber ich war nicht mehr wach genug zu konzentriertem Lesen.
Ich habe mir überlegt, dass ich als so eine Art Zeilenkommentar schreibe, was ich meine, verstanden zu haben; dein Text ist nicht leicht zu verstehen, und dies ist, was ich heute lese:
* es 'sprechen' winterlich-fahle Häuser, gesehen aus einem Park heraus
* sonst sind ihre Farben, ist ihr Anblick ge-/beschützt von belaubten Parkbäumen, die aber nun im Winter, blattlos, graphisch wie Linien, wie Narben wirken
* ihre Sommer-Farben verdankten sie der Sonne, deren Strahlen nun ermattet, erkaltet ist
* im Sommer war der Himmel mit Sonnenstrahlen (gelber Dorn) mit ihnen verbunden
* nun ist der Himmel leer, und der Strahl der tief stehenden Sonne kann keine Wärme geben, nur ihre Blöße offenkundiger machen
* es ist nun die Winternacht da, die gnädig verhüllt, aber auch nichts weiter
* ältere Häuser meinen, das habe es schon einmal gegeben (und es werde auch wieder verschwinden), jüngere glauben es nicht
* die meisten sind stumm vor Angst und warten und wissen nicht ...

So habe ich das Entblößte noch bloßer gemacht. Es ist noch viel mehr enthalten. Es gibt auch ein paar Stellen, die ich nicht ganz und gar gelungen finde.
Aber: es ist so großartig, dein Gedicht, und bleibt es nach diesem 'Zerhacken'.
Was ist das Thema? Kein eigentlich neues: winterliche Reduzierung, Einsamkeit, Angst auch; das Haus als Allegorie des Menschen (oder Symbol - so eindeutig ist das nicht abzugrenzen), mit märchenhaftem Zug (die Häuser sprechen).
Aber WIE das in Sprache gesetzt ist - ich müsste zuviel schreiben, wollte ich alle einzelnen Sprachbilder aufzählen. Es ist nahe an Vollkommenheit.
Immer noch bei mir die Verblüffung, wie ein so junger Mensch das überhaupt können kann.
Ja, so schreibt ein Dichter.

augustine

 

      zuppanova



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   24.11.2007, 00:19



grüss dich, Vladimir,
deinen text hab ich ganz ähnlich gelesen, wie augustine in ihrem kommentar ausführt. ein(e) sprecher(in) blickt vom park aus auf häuser und beschreibt das gesehene. als aussage-rückgrat habe ich für mich folgendes destilliert:

Auf einmal merkten sie (die Häuser), dass ihre Farben matte Spiegel eines erkalteten Erstrahlens waren; dass der Himmel nun über ihnen leer war - nichts als Licht mehr war. So standen sie. Die Nacht bot kaum mehr als tumben Schlaf. Gerüchte irrten, all das habe es schon einmal gegeben, und die meisten waren verstummt vor Angst und warteten und wussten nicht worauf.

beim ersten lesen hatte ich widerstände, mich auf das "rilkische" in sprachduktus und metrik einzulassen (was nun bitte nicht als affront verstanden werden soll), merkte jedoch zugleich, dass der text eindringlich ist und auf eine stille art mir kraftvoll und abgerundet erscheint. er "wirkt". dies erkenne ich für mich auch daran, dass ich mir vorstellen kann, die szene zu malen. es kamen mir auch sofort drei bilder, die ich "kenne", vor mein inneres auge, nämlich diese:

- Braque: Häuser in L’ Estaque / link
- Schiele: Häuser, kahle Bäume und Bildstock / link
- Feininger: Beleuchtete Häuser / link

vllt. würde ich an einigen stellen noch ändern, basteln, bearbeiten wollen, vllt. auch teilweise über die zeilenumbrüche nachdenken, aber das ist nicht so wichtig.

lg, zuppa.

 

      windflug



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   24.11.2007, 14:45



Vladimir, wie schön, dies Gedicht hier zu lesen, mal wieder eines, das ich mehrmals lesen mag, in dessen Assoziationsgespinst ich mich gern begebe. Ich mag es, wie ich mir das Bild der Häuser hinter den entlaubten Bäumen des winterlichen Parks langsam zusammensetzen muss und wie dahinter und vielfach damit verwoben immer wieder die existenzielle Schutzlosigkeit des Menschen durchscheint.
Ein wenig schwer tue ich mich mit dem gelben Dorn. Von der Form her und gestützt durch das Bild der Nacht in der letzten Strophe sehe ich darin die Mondsichel, aber die Farbe und die gnadenlose Leuchtkraft lässt mich eher an die Sonne denken. Wie geht es den Anderen damit?
Herzlichst grüßt in die Runde
windflug

 

      ear



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   24.11.2007, 17:08



Vladimir, dies ist nur ein Gedanke, kann total verkehrt sein.
Mich erinnert der 'Dorn' an Strahlung, die nicht nur in Menschen, sondern ebenso in Gebaeude eindringt als Hoehenstrahlung , oder, gefaehrdend aus der Erde, auch als Radonstrahlung. Im Winter ist natuerlich alles weniger geschuetzt durch das fehlende Laub der Baeume.
Ich habe dein Gedicht voller Freude gelesen, ear.
I

 

      Marcel Frank



"Öhrfeist", ruäft dea Diechda !

   24.11.2007, 23:29



"Öhrfeist", ruäft dea Diechda !

Folgender Link ist kein Affront. Ich suchte einen kurzen PDF-Text zum Thema:
Dichtung: Orpheus-Abriss (Beispiel)

Dass das Gedicht vom Rilke-Sound getragen wird, ist unstrittig. Freilich: Es trägt sich in der Folge nicht selbst. Das ist kein Argument gegen diesen Text: Einen Ton zu treffen, das muss man erst einmal, augustinisch gesprochen, "vollbringen".

Hingegen: Das Thematisieren des Inhalts halte ich für so überflüssig und uninteressant, wie den Versuch, einen Rilke zum Rilke aufgrund des Buch-der-Bilder-Tons zu machen: Der "Dichter" Rilke existiert erst seit den Neuen Gedichten. Außerdem geht es mir auch nicht darum, einer Wiedergeburt Pate zu stehen, deshalb:

Interessant finde ich, "wie man den Ton macht". Dass Vladimir es beherrscht, liest man. Was also ist hier rilkisch ?

Auf ganz plattem Niveau eine Stegreif-Analyse:

Vers 1 (hier sehr breit ausgewalzt):

* Das Plötzliche, das Erwischtwerden: "auf einmal" findet man ca. 134 x bei Rilke (das war keine Annahme, sondern eine Suchanfrage - schließlich "begründet sich ein Wiedererkennungswert"), in ca. 1000 Gedichten zzgl. 1 Roman. Das ist das "atento", das "alto", der Auftakt, das Punctum: Inmitten des Unpoetischen keimt der aufeinmalige, poetische Augenblick.

* Wie nicht - er ist immer mit einer Verschiebung der Wahrnehmung (Wahrnehmungskategorie / Anschauungsbegriff) verbunden. Dazu die notwendige Kollokation mit einem Begriff aus dem Wortfeld "Erkennen". Ich glaube, das ist eine Grundfigur bei Rilke - und nicht nur bei seinen (eindringlichsten) Kitsch-Texten. (* Platzhalter / Beispiele *)

* Die Katapher / das Pronomen: Wenn Du schon Dichtung machst, dann fang' dunkel an und nähre und erziehe den (mitunter äffchenhaften) Leser mit Erhellungen bit-by-bit ("die Dosis der kurzen Leine"). Da erkennt man die klassische Moderne. Dieses Rebus-Spiel: Eine dem Leser verordnete éducation cérébrale. (* Platzhalter / Beispiele *).

Vers 22:

* Der rilkische Chachacha-Beat der "Konj. + V[Präteritum] + Konj. + V[Präteritum] + Interrogativpronomen"-Phrase. Status: "Fingerabdruck". (* Platzhalter / Beispiele *)

Fehlt: Relevantes in V.2-V.21.

Im allg. balanciert sich das Forum offenbar vollautomatisch aus: Wenn Du denkst, es registrieren sich zu viele Action-Painter "at one fell swoop" (ear ! Hilfe !), tauchen auf einmal die auf, "die es mit der Wimper tun". Augustine (s.o.) treibt's vornehmlich mit den einen, andere eben mit allen.

 

      Jolante



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   25.11.2007, 12:56 / 2 x geändert



Herzlich willkommen, Vladimir. Ich freue mich an deinem Gedicht in seiner ästhetisch anspruchsvollen Ausgestaltung und seinem mich ansprechenden Inhalt, der von augustine und zuppa schon sehr schön ausgeleuchtet wurde. Dennoch wundere ich mich über deinen epigonalen Stil, denn wenn ich Rilke lesen will, lese ich eben Rilke und nicht Vladimir. Ich vermute mal, dass du noch auf der Suche nach deinem eigenen Stil bist. Vielleicht hast du ihn aber auch schon gefunden und überraschst uns in Kürze mit einem Text, der sprachlich ebenso gelungen, aber authentischer ist. Darauf freue ich mich schon jetzt!

Es grüßt
Jolante

 

      Vladimir²



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   25.11.2007, 14:28



Ich danke Marcel Frank für die gewitzte Analyse! Mit allem als rikeschem Erkanntem hast du ganz recht. Deine letzte Bermerkung versteh ich nicht.

Der Dorn ist weder irgendeine merkwürdige Strahlung, noch der Mond. Selbst wenn dieser manchmal vielleicht gelb erscheinen mag: "der tiefe Dorn" sollte alle Zweifel beseitigen, denn wie sicherlich bekannt steht der Mond im Winter hoch.

Das merkwürdige ist ja, dass es trotz der Kopie des rilkeschen Stiles, eine intuitive Kopie ist und nicht aus dem Vorhaben heraus entsteht, Rilke zu kopieren, sondern dem Bedürfnis, etwas wahrgenommenes möglichst authentisch auszudrücken. Ich nehme folgende Kette an: Rilke wird gelesen - ich beginne dadurch, auf andere Dinge aufmerksam zu werden, nehme anders wahr, sehe sozusagen mit seinen Augen - möchte das ausdrücken - greife, verständlicherweise auf rilkesche Formen zurück (intuitiv!). Also geht die Kette nicht über das bloße Lesen zum eigenen Schreiben, sondern über die veränderte Wahrnehmung! Da beißt sich die Literatur sozusagen in den eigenen Schwanz.

Und wenn das Gedicht trotzdem etwas wert ist: dann wegen der Häuser, die eben bei Rilke nicht stehen.

Dank an zuppanova für den Verweis auf die Bilder!

 

      zuppanova



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   25.11.2007, 15:35



(pssst, Vladimir, nur so ganz am rand noch hingeraunt:
du könntest, um "bandbreite im ton" zu demonstrieren,
jetzt natürlich einen text mehr in dem stil posten oder
auch etwas in dieser art [wen, welchen autor, müßt
man wohl lesen, um auf dem weg, den du erläuterst
- lesen / veränderte wahrnehmung / schreiben -
texte zu verfassen, die sich "anfühlen" wie ein bild
von Lucian Freud ...?] --- was ich damit aber eigentlich
sagen will: ich tät auf jeden fall gerne mehr von dir lesen.)

 

      Marcel Frank



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   25.11.2007, 16:24



A

"Deine letzte Bermerkung versteh ich nicht."

Es betraf die "Ausgewogenheit" der Texte hier im Forum. Manche machen eben Lyrik a lo brutalo, andere horchen Rilke nach. Die Currywurst-Lyrik (für die ich auch viel übrig habe), schmeckt dem einen oder der anderen nicht. Aber das ist offtopic und außerdem gelöst: "Balance ist".


B

"eine intuitive Kopie"

Ja, bei Rilke passiert das schnell. Es gibt ca. eine Handvoll Autoren, deren "Stil" (schwarzes Loch) einen "im Handumdrehen um den Mittelfinger wickelt". Das ist gut, weil man sofort "mit der Mache" beschäftigt ist.


C

"dann wegen der Häuser, die eben bei Rilke nicht stehen"

Zunächst wollte ich meinen Kommentar ganz anders aufbauen. Aufgrund:

Und doch gibt es Häuser bei Rilke, und wie !
(STRG-F: "Wird man es glauben, daß es solche Häuser giebt?")
(Verdammt, Rilke packt einen immer sofort. These: Rilke-Lesen ist Auto-Fellatio + Pendant.)

Diese "Hausnummer" bei Rilke ist sehr populär. Für mich made "der Inhalt" (jaja, die Leute sprechen alles so einfach aus) von "Häuser, aus einem Park im Winter" hier an allusion.

Das nur als nicht weiter zum Feedback verpflichtende Ergänzung.

 

      Jolante



RE: Häuser, aus einem Park im Winter

   25.11.2007, 17:44 / 1 x geändert



Schau, Vladimir: Beim frühen Rilke sind mir ein paar Häuser aufgefallen, wie z.B. "Im alten Hause" (Im alten Hause, vor mir frei/seh ich ganz Prag in weiter Runde...), "Auf der Kleinseite" (Alte Häuser, steil gegiebelt/hohe Türme voll Gebimmel....), "Ein Adelshaus" (Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe...), "Vom Lughaus" (Dort seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln). - Allerdings lassen sich diese Gedichte weder inhaltlich noch formal mit deinem vergleichen. Um es ein wenig übertreibend zu sagen: Deines gefällt mir sogar besser :)

Gruß Jolante




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