Friedwald · Jolante · ·


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      Jolante



Friedwald

   12.11.2007, 16:49 / 2 x geändert



Milde Sonnenstrahlen
fallen wie Hoffnungsschimmer
auf das kleine kupferne Schild.
Die entlaubte Buche trägt
deinen Namen: Waldfried.

Die Magie des Moments
macht den Glauben begreiflich.
Bald schon liegen wir zusammen
unter dieser Hainbuche
im moosigen Himmel.

Glauben ist für Romantiker gut.

 

      ear



RE: Friedwald

   12.11.2007, 18:58



LiebeJolante, dein Gedicht hat mich wieder zum Safranski-Buch gebracht, welches ich gerade lese.
Das Auge des Romantikers schildert den Tod eines geliebten Menschen, nicht als Trauer, sondern gefiltert von Hoffnung, in den bleichen Strahlen der Sonne und dem kupfernen Schild. Das Lyrische Ich sieht dem eigenen Sterben unter der Hainbuche als Erfuellung entgegen , als eine Art "Liebestod".
Romantik ist ein Teil des Menschen- er braucht solchen zum Gluecklichsein.

 

      augustine



RE: Friedwald

   12.11.2007, 20:16 / 1 x geändert



Hallo, Jolante und ear -
unter der Hainbuche wird nicht gestorben, sondern begraben, und der Himmel als "Himmel" dadurch verworfen. Wer im Friedwald unter der Hainbuche ruht, der hat nur das Moos über sich und geht ein in der Kreislauf der Jahreszeiten, wie die entlaubte Buche ihn anzeigt. Worauf bezieht sich dann die Hoffnung? Darauf, "zusammen" dort zu liegen. Das muss nicht heißen, zugleich dorthin zu kommen. - Und der Glaube? Es heißt ja nicht, dass der irgendetwas begreiflich mache, sondern umgekehrt: die "Magie des Moments", ein Gefühl also, macht ihn begreiflich und relativiert ihn dadurch. Gut für "Romantiker" - wer aber 'sind' die?
Grüße von augustine

 

      Klaus



RE: Friedwald

   13.11.2007, 05:42 / 1 x geändert



Liebe Jolante,

wie gut, dass es Menschen gibt, die das Dahinter spüren, den besonderen
Moment wahrnehmen und dann ganz darin sein können, hier schwingt es,
in Einem. Da lebt Sonne, Hoffnung, Magie, Romantik und der Glaube. Er-lebt.
Moos und Himmel - danke für das Zarte, das Helle, die Schöpfung, und dir.

LG Klaus

 

      ear



RE: Friedwald

   13.11.2007, 09:03 / 1 x geändert



Liebe augustine, eine kleine Anmerkung: Romantiker, unbekannte und sehr bekannte wie Novalis, sind fuer mich Menschen, die dem "Gewoehnlichen ein geheimnisvolles Aussehen geben", es sind auch meine Freunde,weltweit, als Brief- Korrespondenten, als Musiker und Komponisten, als Bildhauer und Maler und als Schriftsteller und Dichter.
Es gibt eine grosse Anzahl von Menschen, denen Romantik im weitesten Sinne viel bedeutet.
Ich konnte bei Google nichts finden ueber das "Begrabensein unter einer Hainbuche", aber Jolante waehlte mit der Hainbuche einen besonderen Baum: er wurde und wird noch zur Herstellung der Klavier-Haemmern benutzt und hat bei Bachblueten-Therapie eine Bedeutung. L.G.ear

 

      Schreibtisch



Moosiger Himmel

   13.11.2007, 13:30



Liebe Jolante,
ear, augustine, Klaus,

stimmungsmäßig passt dein Gedicht, Jolante, für mich sehr gut in den Haikufaden und führt - anders - weiter, was dort anklingt.
Sonnenstrahlen wie Hoffnungsschimmer und der moosige Himmel stehen für mich beieinander und wissen noch nicht so genau, ob sie etwas und wenn ja, was sie miteinander anfangen wollen...
der moosige Himmel - ist der Himmel nichts anderes als Moos - also jedenfalls nicht etwas, was verbunden werden könnte mit einer wie auch immer gearteten Jenseitsvorstellung - oder wird nur eine enge Beziehung zwischen dem Himmel und der Erde ausgedrückt? Beides scheint möglich zu sein.
Das lyr. Ich jedenfalls ist berührt worden durch die "Magie des Momentes".
Vielleicht könnte es soviel heißen wie: " In diesem Augenblick ahne ich, was es - (nur?) für Romantikerinnen und Romatiker - bedeuten könnte zu glauben. Ich habe als Hoffnung die Sonnenstrahlen." - so könnte ich es verstehen und wüßte gerne mehr über diese Sonnenstrahlhoffnung und worauf sie ausgerichtet ist.

Die letzte Zeile ist für mich - jetzt - wie ein "Urteil", wie das letzte Wort, was in dieser Sache gesprochen werden kann. Ein mystischer Selbstboykott. Eine Relativierung der erlebten Situation. schmerzhaft für mich als Lesende. Und als eine Tendentiellglaubende fühl ich mich reduziert auf Romantik und das gefällt mir natürlich nicht. Die Situation ist "an sich" perfekt, aber eben nur für Romantiker und das lyr. Ich -so vermute ich- zählt sich nicht zu dieser Gattung.
Naja, zu klären wäre vermutlich auch, was mit Glauben hier gemeint ist, mit Himmel...

Klaus, du merkst vielleicht, dass meine Lesart von deiner sehr abweicht. Aber ich wünschte, ich könnte es so lesen wie du und irgendwie hoffe ich auch, dass du "Recht hast".
Grüße reihum, Schrebitisch

(darf ich an dieser Stelle auf den Himmel-Text von Else Lasker-Schüler verweisen? Ich habe ihn in den Gedichtesammlungsfaden eingestellt. Er nähert sich lyrisch-beschreibend und lyrisch-postulierend dem Himmelsthema.)

 

      zuppanova



RE: Friedwald

   13.11.2007, 15:29



servus Jolante,

hab erst ein-, zweimal ums eck denken müssen, woran mich der titel erinnert, aber dann hats geschnackelt.

mir scheint, betrachte ich den schluss deines textes, da schimmere ein strahl von "romantischer ironie" übers gedicht (und ich kann nicht behaupten, mich schmerze das, im gegenteil - ). der text schlägt (hierin erkenne ich jolantische machart), nachdem er eigentlich schon zu ende ist, eine unerwartete kleine volte und blinzelt sich selbst zu: Glauben ist für Romantiker gut - damit wird die Magie des Moments noch einmal aufgegriffen und in anführungszeichen gesetzt, bzw. mit einem hübschen fragezeichen versehen. diese pointe oder unerwartete wendung am schluss tut (finde ich) dem text sehr gut:

  • nimmt ihm das allzu eindeutige, macht ihn vielschichtiger und tiefer, wodurch wiederum
  • der leser zu eigenbewegung angespornt wird, also den vom lyrich erlebten magischen moment nicht einfach für sich übernimmt (übernehmen muss!), sondern ihn genauer betrachten, ihn auch hinterfragen darf und somit frei ist, ein eigenes erleben an dem text entwickeln zu können.
.
mir gefällt das.

zur sprache möchte ich gern anmerken: das wie in der zweiten zeile gefällt mir nicht recht, auch bringe ich bleiche sonnenstrahlen nicht mit hoffnungsschimmer zusammen, vllt. tät ich so schreiben

Milde Sonnenstrahlen
zaubern Hoffnungsschimmer
auf ein kleines Kupferschild.


aber das ist nur so beiläufig angemerkt, hier gibt es (wie immer bei solchen punkten) sicher ganz unterschiedliche ansichten.

lg, zuppa.

 

      windflug



RE: Friedwald

   17.11.2007, 15:30



Jemand macht einen Spaziergang durch einen Friedwald, eine Urnenbegräbnisstätte in einem Wald. Nur kleine Kupferschilder zeigen die Namen derjenigen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Da fällt plötzlich der bleiche Strahl der Novembersonne auf eines dieser Schilder, und ein Name leuchtet auf: Waldfried. Für die Person, die hier entlanggeht, ergibt sich ein magischer Moment, denn das weiß sie in diesem Augenblick: hier, unter dem moosigen Boden, unter dieser Hainbuche will sie begraben werden, bald schon erwartet sie ihren Tod. Und Waldfried, das ist ein Name, neben den auch der eigene passen könnte. In dem Fingerzeig des Sonnenstrahls, der gerade auf diesen Namen fällt, wird Glauben be-greifbar, der Glaube vielleicht, hier Frieden finden zu können, einen moosigen Himmel. Und wie ein kleines Kind im dunklen Wald pfeift, um die eigene Angst zu übertönen, klammert sich die Person, die den Tod vor Augen hat, an die Vorstellung von diesem Ort der Ruhe. „Glauben ist für Romantiker gut.“
So lese ich Jolantes Gedicht, und es macht mich traurig, besonders die (selbst)ironisierende Brechung in der letzten Zeile.

Euch alle, vor allem natürlich dich, Jolante, grüßt
windflug

 

      Jolante²



RE: Friedwald

   26.11.2007, 20:27 / 5 x geändert



Liebe/r ear, augustine, klaus, schreibtisch, zuppanova und windflug,
ich habe mich sehr über euer Interesse gefreut und danke euch für die Beschäftigung mit "Friedwald". Die unterschiedlichen Lesarten waren für mich sehr interessant. ear und klaus fühlen sich von dem Gedicht angesprochen, weil sie die Schwingungen der Romantik in sich aufgenommen haben. augustines Sichtweise ist nüchterner, aber erhellend. schreibtisch stellt in Zweifel, dass der Glaube (nur) für Romantiker gut ist, windflug kommt meiner Intention schon sehr nahe. zuppa schließlich hat das geschrieben, was ich selbst als Schlusskommentar hätte schreiben wollen, wenn ich es denn so schreiben könnte.
Was soll ich noch sagen? - Nach Novalis sind Romantiker u.a. jene, die dem Endlichen einen unendlichen Schein geben. Das lyrische Ich traut seinem angesichts der Magie des Momentes aufkeimenden Glauben an das Unendliche nicht. Es glaubt nicht an eine romantische Himmelfahrt nach dem Tode. Sein Himmel unter der Hainbuche ist aus Moos, unendlich sanft und weich, aber endlich.

Lb. Gruß Jolante

P.S. @zuppa
Die bleichen Sonnenstrahlen habe ich nach deinem Vorschlag "milde gestimmt", die weiteren Anregungen (die gut sind) habe ich nicht übernommen, da sie leider nicht in mein Silben-Schema passen.
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