das Überleben der Spezies · lost · ·


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      lost



das Überleben der Spezies

   09.11.2007, 01:23 / 5 x geändert



das Überleben der Spezies steht auf dem Spiel oder
Sarah & Bill und der Apocalypso
(kein bedeutender Text)

ausgefranst deine Vergangenheit. Zukunft ist unbestellt.
wir werden weggeweht worden sein, FuturzweiPassivPluralerstePerson,
ehe noch dreimal der Hahn undsoweiter. Mensch, sapiens,
ein Windhauch genügt schon, um -

stecken geblieben der Fahrstuhl. Stromausfall. das Klavier ist verstimmt.
aber Billy & Sarah tanzen den Apocalypso, während draußen der Wind weht.
Billy lacht Sarah an, Sarah lacht Bill an. erzeugt Gewalt Gegengewalt?
was macht Bill mit Sarah? der Wind weiß Bescheid, wie konnte so etwas -

Alkohol stimmt dich romantisch. du willst dir die Seele rasieren und schneidest
dir dabei ins eigene Fleisch: durch ist die Kehle. ein Monsignore tritt auf,
um deinen Leichnam zu segnen. verdammt, diese ganze Beißhemmungsgeschichte
ist doch ein Mythos. das Wetter ist schuld, dieser Wind -

oh Billy, ruft Sarah,
machst du die Tür zu, bitte -
es zieht.

in den Wind gesprochen ist - nichts?




________________________________________

Kritik willkommen: sei sie nun weich oder hart.

________________________________________

-> Chaiselongue
-> big polis
-> deep impact: die Bedrohung
-> mermaid
-> Schwarzwasser
-> Podcast (Schwarzwasser und big polis)

 

      augustine



RE: das Überleben der Spezies

   13.11.2007, 19:55 / 1 x geändert



Bill und Sarah musste ich nachgoogeln, und ich fand nicht, dass ich mir das Gefundene merken musste. Stehen wohl für die allwaltende Vergnügungssucht einer Spätzeit, wo aus Information infotainment werden musste, die Werbung uns berieselt und Wünsche einredet, die wir nicht haben, wo einer nicht bedeutsam für sich ist, sondern nur dadurch, dass er oder sie Teil einer Gruppe ist und durch die eigene ständige Erreichbarkeit, wo wir nicht mehr miteinander reden, sondern Talkern zuhören, wo Jungsein ein Wert an sich ist und steile Brüste und steife Ruten usw. usw. Und Gewalt sich breit macht. Und die Religionen ihre sich abspaltenden -ismen, die besonders gut wissen, was wahr ist, nicht wieder einfangen können, und ihr dünner Aufguss, die Esoterik, wieder Konjunktur kriegt.
"Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind." (Brecht, Vom armen B.B.; siehe auch An die Nachgeborenen) Ich ahnte literarische Anspielungen, und sie sind da; auch das von Bob Dylan: "die Antwort ... weiß nur der Wind". In den Wind gesprochen ist alles und mit ihm verweht. Und wahrscheinlich noch anderes.
Und du weißt, lost, dass das Wort 'romantisch' nicht alltagstauglich ist und ohne Ironisierung lächerlich. Jolante weiß es auch. Romantik ist sehr kompliziert. Das wissen wir aber nicht erst seit Safranski. Wollten wir mehr verstehen: wir könnten uns ja mal mit Blütenstaub bewerfen.
Die Chiasmen in der ersten und der letzten Zeile (Kreuzstellung; die Subjekte jeweils in der Mitte): Zufall?
Der Text ist klasse, lost, findet augustine, und gar nicht unbedeutend, alter Kokettierer.

 

      lost²



RE: das Überleben der Spezies

   16.11.2007, 00:46



hab Dank, augustine, für dein aufmerksames Lesen dieses - nun ... Weltuntergangstextes.
kurz geantwortet:
der Chiasmus, das eine und andere Mal, kam passend daher und ich wies ihn, sprachlicher Eleganz zuliebe, nicht ab.

ein wenig Blütenstaub noch:

109. Nichts ist poetischer, als Erinnerung und Ahndung oder Vorstellung der Zukunft. Die Vorstellungen der Vorzeit ziehen uns zum Sterben, zum Verfliegen an. Die Vorstellungen der Zukunft treiben uns zum Beleben, zum Verkürzen, zur assimilierenden Wirksamkeit. Daher ist alle Erinnerung wehmütig, alle Ahndung freudig. Jene mäßigt die allzugroße Lebhaftigkeit, diese erhebt ein zu schwaches Leben. Die gewöhnliche Gegenwart verknüpft Vergangenheit und Zukunft durch Beschränkung. Es entsteht Kontiguität, durch Erstarrung Kristallisation. Es gibt aber eine geistige Gegenwart, die beide durch Auflösung identifiziert, und diese Mischung ist das Element, die Atmosphäre des Dichters.

regards, lost.

 

      augustine



RE: das Überleben der Spezies

   16.11.2007, 20:10 / 2 x geändert



Ein Blütengruß zurück von augustine:

16. Die Fantasie setzt die künftige Welt entweder in die Höhe, oder in die Tiefe, oder in der Metempsychose zu uns. Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht. - Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freylich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbey, und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.

 

      Jolante



RE: das Überleben der Spezies

   17.11.2007, 20:21 / 4 x geändert



verehrter lost, du bist in deiner Entgegnung auf augustines Kommentar nicht darauf eingegangen, ob die von ihr aufgezeigten literarischen Anspielungen beabsichtigt waren. Ich habe sie, offen gesagt, nicht erkannt. Was sich mir aber ganz stark vermittelt, ist die Weltuntergangsstimmung, ausgelöst durch das, was in der Luft liegt, und das ist nichts Gutes. Sarah und Bill kümmern sich nicht um die tägliche Bedrohung, die von Menschen verursacht wird, die aus der "ausgefransten" Vergangenheit nichts gelernt haben und denen die Zukunft und das Überleben der Menschheit egal sind. Sie leben im Hier und im Jetzt. Selbstvergessen tanzen sie ihren Apocalypso. (Allein schon durch diese Wortschöpfung ist das Gedicht ein Gedicht :) Das Schreckliche wird verdrängt (die Tür zugemacht, wenn es zieht), und überhaupt wäre alles oder nichts in den Wind gesprochen, wenn es noch irgend etwas zu sagen gäbe, was den drohenden Weltuntergang aufhalten könnte.
Ich werde die verstörenden Verse sicher noch manches Mal lesen, um sie auf mich wirken zu lassen. Ein wenig Interpretationshilfe von dir, lost, wäre mir dabei höchst willkommen. Und was die letzte Strophe betrifft, hier auch von mir etwas Blütenstaub:

"14. Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes willen. Der Tod ist Endigung und Anfang zugleicih, Scheidung und nähere Selbstverbindung zugleich. Durch den Tod wird die Reduktion vollendet."

Es grüßt Jolante

 

      Erik



RE: das Überleben der Spezies

   18.11.2007, 15:53



Ahoi lost...

Ein toller Text. Gefällt mir wirklich sehr gut.
Wesentlich sind für mich dabei die zwei unterschiedlichen Räume, die du beschreibst. Also der Fahrstuhl (es geht kaum hermetischer) mit Bill und Sarah auf der einen Seite und das "Draußen" auf der anderen.
Zeitlich ist der Text schwierig einzuordnen, denn das ins Nichts führende Denken der Vergangenheit und die ebenso ziel- und daher sinnlos erscheinende Zukunft nehmen dem ganzen Szenario den Anker.
Dein Text fasst auf diese Weise ein recht tristes Zeitgefühl zusammen. Ich werf mal den abgelutschten Begriff "Postmoderne" in den virtuellen Raum :)...

Die religiösen Bezüge mit dem Hahn und dem Monsignore scheinen ebenfalls keine Sicherheit zu geben und die grammatische Bestimmung in V2 erscheint mir auch wie ein krampfhafter Versuch, ein Regelwerk auf die konkrete Situation anzuwenden. Schließlich vermittelt Grammatik eine gewisse Form von Sicherheit, während die ganze erste Strophe ja von Unsicherheit und Überflüssigkeit ("undsoweiter" , um - ) geprägt ist. Alles kann als Strohhalm dienen, wenn man will...

Beim mehrmaligen Lesen des Textes musste ich - wahrscheinlich wegen der Namen - an zwei Personen denken, die man problemlos aus einem James-Dean-Film hätte importieren können. Billy als schmalzlockiger "Draufgänger" und Sarah als blondlockige Bedienung aus einem Truck-Stop, deren Leben sich irgendwo zwischen Kaffeekanne und Burger bewegt. Ausschnitte aus vergangener Zeit, die den "Apocalypso" (Wie Jolante schon sagt, ein grandios gewählter Begriff) tanzen und der Gewalt, die im chaotischen "Draußen" vorherrscht, trotzdem nicht entkommen können, weil sie irgendwo in jedem Menschen steckt. Die beste Hölle schafft man sich eben doch selbst.

Der auftretende Monsignore als Statist, der kurz auf die Bühne springt, um seinen Job zu machen und der Wind, der das ganze Szenario als einziger teilnahmsloser Überlebender durchzieht. Das Brecht-Zitat, Augustine, sitzt. Ich kannte es nicht, aber es passt absolut.

Mir gefällt die Kreuzstellung zwischen den Strophen 1 und 3, sowie 2 und 4. Einmal das Ich und andermal Billy und seine Holde. Das Sprecher-Ich weiß vom Wind und seiner Bedeutung, während Sarah nur das Unbehagen zu spüren scheint.

Wie gesagt, ein Brett von einem Text...

Es grüßt und gratuliert

Erik

 

      Gretchen



RE: das Überleben der Spezies

   25.11.2007, 02:32 / 1 x geändert



Hey lost,

erst mal Geständnis: bin auf dein Text erst aufmerksam geworden, als augustine was dazu schrieb, musste dann dein Teil mehrmals lesen, um reinzukommen. Inzwischen steht da noch mehr Interessantes von Jolante und Erik, und ich sag mal meine Gedanken auch noch dazu, obwohl die sich teilweise mit den anderen Kommentaren überlappen.

In den Text iss sehr viel reingepackt, die komplette Menschheitsgeschichte, ja menno, dacht ich, großes Moviepanorama, Sarah und Billy starring Adam und Eva.
Ausgangs-Punkt der Inszenierung (Höhe-Punkt wär dann, find ich: die dritte Strophe) ist hier und heute, nämlich der Zeit-Punkt, wo homo (sapiens) damit konfrontiert ist, dass ihm der Boden wegbricht (ausgefranst die Vergangenheit) und unter dem Boden iss nix als nix (Zukunft ist unbestellt), der Fahrstuhl (Evolution? Fortschritt?) iss steckengeblieben, die Ressourcen sind erschöpft (Stromausfall) und die Sinnfindung und Menschwerdung und Beruhigung aller Existenzängste durch Kultur, Kunst, Religion und alles, watt richtig schön iss, edel, und gut tut, fuktioniert auch nicht mehr so (Klavier = klassisches Betätigungsinstrument-für-schöngeistig-höher-gebildete-Töchter, iss verstimmt).
Trotzdem: Sarah und Billy, die Protagonisten, die Prototypmenschen da, machen weiter als wär nix, d.h. sie "tanzen" (den Apocalypso) - was sollten sie auch sonst tun? Nebenbei trägt der Wind (das könnte der Geist sein - na, weittragendes Bild jedenfalls: der Wind ...) so paar philosophisch-historisch-religiös-reflexiv-existentiell angewehte Fragestellungen rein (wie ist das mit der Gewalt? liebst du deinen Nächsten? wie abgestumpft bist du? fühlst du auch was, wenn du nüchtern bist, oder nur sentimental-und-substanzlos-romantisch im Suff? ... was man sich als Mensch nun mal so fragt, nachts, allein, schlaflos ...) - aber Antworten gibbet leider keine (the answer, my friend ...), oder, anders gesagt, da kann einer sich direkt den Arsch aufreißen (oder die Kehle, beim Rasieren, beim SeelenstripPsychotrip) an den ganzen verfickten Sinnfragen. Und das geht der SarahEva so auffen Zeiger, da hat sie kein Bock drauf, auf so bescheuerte Fragen, die bringen sie ausm Takt beim Tanzen, die stören. Deshalb muss Billy die Tür zu machen. Fettisch! Zieht nix mehr.

Naja, das ungefähr happ ich da gelesen. Und dafür, dass ich so viel rauslesen konnte, iss das Teil angenehm kurz. Happ schon Texte gesehen, da war die Proportion genau umgekehrt.

Nen Quickie dazu hab ich schon gepostet, Thema: ich mensch (nix besonderes, woll), dazu hat dein Text mich nämlich angeregt, lost.

Apocalyptisch kariert und soeben mit knapper Not der Pistenromantik entronnen:
die Weltuntergangsgrete.

 

      zuppanova



RE: das Überleben der Spezies

   08.12.2007, 00:17



da steht schon viel gut gelesenes. bleibt mir fast nichts zu sagen.

1. kein bedeutender Text
in klammern als untertitel zum text - das verstehe ich nicht so sehr als lost’sche autorenkoketterie, sondern, zum text gehörig, als aussage: eine anmerkung des sprechers ("lyr. ich"), welche den inhalt des textes ironisiert oder in frage stellt, also dem text eine weitere ebene (meta-) hinzufügt: das, worüber ich sprechen werde, ist nicht von bedeutung. für mich so etwas wie eine vorweggenommene pauschale absage an sinn oder intention und dergleichen.

2. die dritte strophe macht mir mühe - insofern, als hier (wie ich finde: zu unvorbereitet) ein lyr. du eingeführt wird ("woher kommts du so plötzlich?"). wer ist dieses lyr. du? ist es der sich selbst reflektierende sprecher des textes?

3. warum das wort "romantisch"? ich hätte "sentimental" erwartet.

4. ansonsten: sehr strukturiert gebaut. die rhetorische figur am ende der strophen 1-3, dieses abbrechen des satzes -
was ist das, wie nennt man das gleich? hilft mir wer?

5. außerdem fiel mir die durchgeschnittene Kehle besonders auf: kehle als "der Raum des Sprechens" - das erinnert mich an etwas ...

lg, zuppa.

 

      lost²



RE: das Überleben der Spezies

   20.01.2008, 02:22



es ist so:

um alle Antworten, alle Lesarten bin ich sehr froh
(du fragtest in dieser Richtung, Jolante). augustine
brachte die Anspielungen zum "Wind" ein, Jolante betonte
die Qualität des Apocalypso wie auch die Verdrängungsvorgänge,
Erik wies u. a. auf unterschiedliche Räume des Textes, auf religiöse
Bezüge und den vergeblichen Versuch, an der Grammatik Halt zu finden, hin.
Gretchen steuerte eine Gesamtinterpretation nebst Eigentext bei, und zuppa, in
der ersten Zeile änderte ich die Vergangenheit um in deine Vergangenheit. so ist
das Erscheinen eines lyrischen Du in der dritten Strophe vorbereitet. besser?
alles andere: wie du sagst. das Stilmittel, übrigens, ist die Aposiopese,
der Abbruch mitten im Satz. was dadurch bewirkt werden soll, ergibt
sich aus den Kommentaren. romantisch: absichtlich verwendet, da
alltagssprachlich nicht mehr sauber getrennt von sentimental.

was noch? dies vielleicht:

71. Dichter und Priester waren im Anfang Eins, und nur spätere Zeiten haben sie getrennt. Der echte Dichter ist aber immer Priester, so wie der echte Priester immer Dichter geblieben. Und sollte nicht die Zukunft den alten Zustand der Dinge wieder herbeiführen?

best regards and words of thanks to all,
lost.




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