| |
|
first flush
|
längst vergessen
ist das, was war
das, was mich gehalten hat
abgehalten hat
hier gehalten hat, bei dir
das, worin du bestandest
worauf du bestandest
dass wir uns einig seien
sein müssten
denn nur so
könne es gehen
gehen mit uns
zwischen uns
ich bleib stumm
kann nichts entgegenhalten
und habe dich schon längst
weitergedacht in eine Richtung
an einen Ort, der mir unerreichbar scheint
und hoffe auf deine Gnade
und weiß doch
dass alles längst vergeben und vergessen ist

|  |
Erik
|
28.10.2007, 17:59 / 1 x geändert
|
|
Hi...
Ein sehr starker Text.
Die gefühlsmäßigen Feinheiten, von denen er handelt, sind treffend und nachfühlbar von dir beschrieben worden. Auch die Wortspiele - gerade in der ersten Strophe - gefallen mir.
Ist ein Text nicht dann gut, wenn er treffend das beschreibt, was man selbst schon erlebt hat, wenn er in Worte fasst, was man selbst gespürt hat?!...Wenn ich sofort nachspüren kann (oder glaube, das tun zu können), dann sitzen die Verse...
Kompliment an dich...
Erik

|  |
augustine
|
28.10.2007, 18:26 / 1 x geändert
|
|
Guten Abend, first flush und Erik.
Der Text, first flush, hat mich derartig angesprungen, dass ich zuerst überlegt habe, in pn darauf zu antworten. Denn die beiden ersten Strophen, besonders aber die mittlere: verdammt nochmal, die habe ich so erlebt, dass ich deine Worte als Ausdruck für mein Erleben in einer Phase nehmen könnte - aber natürlich wissen wir trotzdem nicht, wie es sich jeweils in Raum und Zeit abgespielt hat. Und doch ...
Ich habe ein weibliches Ich unterstellt als das sprechende, aber nun hat Erik geantwortet, während ich das Gedicht las, ein Mann, und sagt auch: etwas erlebt, was in diese Worte gefasst sein könnte. Damit ist die Frage wieder gestellt, die sich schon bei Auf der Fahrt/sonntagsfahrt ergeben hatte. (Ich spinne an einem Text herum, der sich in ein männliches Ich einfühlen sollte, wenn er gelänge - aber weiß ich zu viel oder zu wenig und noch nicht einmal das? oder mache ich das, wahrscheinlich, doch zu sehr nebenbei?)
an first flush: welches ist der Ort, der dir "unerreichbar" scheint? Und was bedeutet dieses religiöse Wort Gnade?
an Erik: dieser Text hat dich wie mich sehr angesprochen. Und doch bleibe ich dabei: das ist kein Kriterium für literarische Qualität, sondern nur für Rezeption. Bedenke den Umkehrschluss: ist schon schlecht, was dich nicht anspricht? (Wenn du magst, lies mal den - oder: im - speak sense-Faden. Da ist das Thema auch.)
augustine

|  |
Erik
|
Grüße...
Zur Schulzeit wurden halt vor meinen Augen so viele Gedichte metrisch vergewaltigt, sobald sie vor uns aufgetaucht waren...spätestens nach "ein paar Minuten Einwirkzeit" ging´s rund. Ich hab mir trotzdem meine Lieblingsdichter darüber retten können, eben weil ich versucht habe, an den Sektionen nicht teilzunehmen...
Lichtensteins "Abschied" und "Weltende" von Jakob van Hoddis zählen zu meinen liebsten Gedichten und haben ihren hochgelobten Platz in der deutschsprachigen Literatur, aber wenn man diese auf Metrik, Stilmittel, etc. untersucht, muss man sie fast als "primitiv" bezeichnen. Dennoch tun sie mir bis heute weh beim Lesen...nur so als Beispiel...
...mein Zugang zum Text ist halt eher emotionaler Natur...
Zumal der Umkehrschluss ja nicht zwingend ist. Wenn mir ein Text nicht zusagt, dann muss er natürlich nicht schlecht sein. Es gibt ja keinen "Generalgeschmack" und ich bin ohnehin nicht der Typ, der meint, "literarische Qualität" beurteilen zu können. Alle zukünftigen Kommentare meinerseits bitte immer unter diesen Motto betrachten...
Und wie gesagt. Was mir nicht gefällt, kann für andere Leute Erfüllung bedeuten. Ist doch wunderbar...
Das ist natürlich alles herrlich subjektiv. Aber bevor ich mit "freien Versen, Parallelismen, Epiphern, usw." anfang, teil ich FF lieber mit, dass mich der Text an eigene Erfahrungen erinnert hat und zwar derart präzise, dass er mir einen kurzzeitigen Knick in der Laune versetzt hat. Mich - an FFs Stelle - würde sowas freuen. Ob´s das allerdings wirklich tut, weiß ich nicht :)...
Grüße von
Erik

|  |
lost
|
1. augustines Aussage unterstreichend
was ein Leser fühlt, nachvollzieht, erinnert beim Rezipieren eines Textes, sagt nichts über die lit. Qualität des Geschriebenen aus, sondern nur darüber, dass Leser und Autor (scheinbar? anscheinend?) gewisse emotional geprägte Erlebnishorizonte teilen: man gelangt aus dieser Haltung heraus zu Kommentaren wie
- spricht mir aus der Seele
- tolle Wortwahl
- kenn ich oder wer kennt das nicht
- springt mich an
- nöö, sagt mir jetzt weniger
2. es liegt mir fern, Einschränkungen setzen zu wollen, ich denke, man kann und darf so kommentieren, sollte sich aber doch bewusst machen (wie auch augustine moniert, wie auch Erik bestätigt), dass so eine Annäherung an oder Aussage über die "Qualität" des Textes nicht zu haben ist. allwöchentlich springen Texte in der BRAVO tausende Teenager an, Texte in GLAMOUR springen tausende Frauen an, Texte (oder Bilder ...) im PLAYBOY bespringen tausende Männer und Jerry Cotton weekly sprrrinkt "uns" doch ohnehin alle, nicht wahr, ... an?
3. mich nun aber sprang dieser Text nicht an; er wirkt blass, formlos und - ja, ein garstiges Wort, das ich dennoch wage zu schreiben - etwas schwafelnd auf mich; erlaube also mir, die Sinne frei von projektiv erregtem Herzens(mit)leid folgende Fragen:
- wozu ein französischer Titel? Begründung? aus dem Text selbst begründet sich französisch gar nichts
- der Text enthält logische Brüche, die ebenfalls nicht begründet sind: wozu auf Gnade hoffen, wenn doch andererseits alles längst vergessen und vergeben? die erste Strophe sagt, es sei vergessen, was war - das ist schon erschöpfend genug - wozu das bisschen Teig lang und breit ziehen, wozu noch Strophe 2 und 3?
- der Text wirkt auf mich redundant und gekünstelt in seinen Wortverspieltheiten, der Einsatz unterschiedlicher Be-Deutungen von halten ist allzu vordergründig und rasch sich abnutzend: mehr Wort(geplänkel) als für Inhalt bzw. Aussage notthut
- auch sonst vielfältiges Geraune und Gedeutele: vom unerreichbaren Ort, von Gnade, vom Vergeben und Vergessen, vom Stummbleiben - alles sehr bedauerlich, gewiss, jedoch mitnichten scharf in Sprache geschliffen
- der Text ist sprachlich nicht oder kaum bearbeitet, ich sehe keinen Guss, kein ästhetisches Geschmeide, was vom Anfang zum Schluss gestaltend führen könnte; alltagssprachlich Anmutendes (ich bleib’ - warum nicht: ich bleibe?) mischt sich unbegründet ein, (zu) viele Male und, unnötiges Wiederholen und Umkreisen von Aussagen
- der Text ist kein Gedicht (allerdings: das wird auch nicht expressis verbis behauptet), sondern eine Art Notiz, wehmutsumnebelt räsonnierendes Erinnern (soll heißen: weder glasklar analytisch noch wild emotional, was doch eines wie das andere immerhin geschmacksintensiv sein könnte) einer irgendwie gescheiterten Beziehung (wobei nun gerade das Scheitern an keiner Stelle sinnlich, fassbar, plastisch, schmerzhaft, sprechend, schreiend wird: was einzelne Leser hier schmerzt, ist eben nur die Projektion eigener schmerzlicher Erfahrung in den Text hinein, nicht die Gewalt oder Beredtheit des Textes selbst ), und diese vage Notiz dann, damit es doch "nach etwas aussieht", via Zeilenumbruch zu Versen gestückelt: eine wie auch immer geartete (freie) Rhythmik erkenne ich nicht, auch sonst keinerlei pro-lyrisches Stilmittel, auch kein Gefüge von Inhalt und Form
4. nun, first flush, abschließend bitte ich dich um Vergebung, in aller Demut, und das meine ich ernst:
diese meine Zeilen lesen sich womöglich schlimmer als sie gemeint und verstanden werden möchten. so don't give a fuck on it, wie kürzlich schon jemand sagte ...
... und bedenke, es schrieb: lost (he who seems to be the bad lone wolf).
(ist es nicht erfrischend,
auch innigst miterfühltem Wort
ein Kontrawörtchen
beizustellen?)
regards ...

|  |
first flush²
|
29.10.2007, 11:31 / 1 x geändert
|
|
ich bin jedem, der sich die mühe macht, sich
auseinanderzusetzen mit dem, was ich hier
beisteuere, sehr dankbar.
wirklich das ist eine großartige erfahrung für mich.
ich freue mich, wenn mein texte gefühle evozieren und seien
es auch gefühle wie "genervtsein", "unverständnis" oder was auch
auch immer lost plagte.
in meinem ganzen leben habe ich noch nie eine derartige
auseinandersetzung mit texten gehabt, wie in diesem forum.
ich freue mich über eure aufmerksamkeit und wie soll es
anders sein? auch natürlich über das lob, das ich erhalte.
der text ist ein quickie, was für mich bedeutet, dass es
eine art erguss ist und der hat keine wortzentrifuge durchlaufen
und wurde nicht geschleudert oder es wurde nicht abgeschöpft, was sich nicht
abgesetzen konnte, was keinen grund, keine festigkeit erreichen konnte.
der französische titel ist aus reiner sentimentalität geboren, eine
reminiszenz an eines meiner lieblingslieder und weil die zeile auf deutsch im
gedicht enthalten ist und ich sie in ihrer zweideutigkeit mag.
@augustine:
das wort gnade bedeutet für mich ein annehmen des anderen, gerade auch dann, wenn
man sich nicht selber annehmen kann.
ein fünfe-gerade-sein-lassen, vielleicht die güte derjenigen, die in der position sind,
entscheiden zu können was wird.
es schwang in mir die richterliche gnade, ich glaube kaum die religiöse konnotation, assoziation.
der unerreichbare ort:
ich meine damit, dass man seine geliebten menschen immer weiterdenkt,
aus ihnen gestalten macht, an die man erwartungen hängt, die sie
zu erfüllen haben.
sie quasi völlig entpersonifiziert, egal, ob man es will oder nicht, sie zu etwas macht,
was man braucht, um sein glück zu erreichen.
meine dumme bahn fährt, ich muss los, aber ich schreibe später weiter
@erik
danke für deine zeilen, danke, dass meine worte dich berührt haben, wirklichen dank

|  |
|
|